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New Economy

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts, damals wurden erstmals Konjunkturzyklen erfaßt, hatte es noch nie einen so langen Aufschwung gegeben wie ihn die amerikanische Wirtschaft derzeit erlebt. "New economy" heißt die neue Wirtschaftswelt. Sie hängt zusammen mit dem Boom des Internets, der Globalisierung der Weltwirtschaft und den Firmenfusionen. Optimisten versprechen sich davon ein neues Zeitalter mit ewigen Wachstum ohne Inflation. Kann es das geben?

Es ist kein Geheimnis - die Wirtschaftswelt hat sich gewandelt. Computer und Internet erschließen neue Absatzwege. Die geschätzten potentiellen Umsätze per E-Commerce bewegen sich in Billionenhöhe. Dabei wird allerdings vergessen, daß der größte Teil der Summe auch jetzt schon umgesetzt wird - auf übliche Weise in den Geschäften. Der Mehrwert für die Wirtschaft ist somit weniger spektakulär.
Produktzyklen - das ist die Zeit wie lange sich ein Produkt am Markt behaupten kann bis es von einem neuen und besseren abgelöst wird - sind kürzer geworden. Investitionen in die Entwicklung neuer Produkte gewinnen damit an Bedeutung.
Der neue Superrohstoff heute heißt Wissen. Und Ökonomen vertreten die Ansicht, daß wissensgeprägte Branchen rund die Hälfte zur US-Wirtschaftsleistung beitragen.

Dank der neuen Technologien steige die Produktivität. Es kann also mehr und billiger produziert werden. Das führe zu höherem Wachstum und weniger Preisdruck - zum Ausbleiben von Krisen und zum Tod der Inflation, argumentieren begeistert die Befürworter der "new economy".

Mit Zahlen lassen sich die schwärmerischen Höhenflüge nicht untermauern: Softwareinvestitionen machen in den USA lediglich 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. In Deutschland und Österreich sind es weit weniger als ein Prozent. Den Anteil im Sinne der "new economy" beträgt nach Expertenschätzungen in den USA zwischen fünf und zehn Prozent. Damit ist fraglich, ob das amerikanische Wirtschaftswunder wirklich von den Computern angetrieben wird oder vielleicht doch einer Summe traditioneller Faktoren entspringt.

So hat der stete Verfall der Rohstoffpreise seit 1995 dazu beigetragen, daß die Inflation niedrig blieb und die Reallöhne damit kräftiger steigen konnten, als es sonst möglich gewesen wäre. Positiv für Amerika wirkten sich auch die Währungsturbulenzen in Asien aus. Weil die Anleger ihr Geld aus den Krisenländern abzogen, fielen in den Industrieländern die Zinsen. Das heizte die Investitionen an. Dazu kam - und das ist der Unterschied zu Europa - die fein abgestimmt Geldpolitik der US-Notenbank. Zu Beginn des Aufschwungs senkte US-Notenbank-Chef Alan Greenspan die realen Leitzinsen auf null. In den Jahren darauf reagierte er mit viel Fingerspitzengefühl. Es gelang ihm, die Inflation niedrig zu halten, ohne dabei die Konjunktur abzuwürgen. Sicher haben auch neue Technologien zum US-Aufschwung beigetragen, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Anhänger der "new economy" schwärmen.

Der langanhaltende US-Boom bleibt trotzdem beeindruckend. Doch erklärt werden kann er mit einem Mix aus geschickter Politik, reichlich Glück, ein bißchen "new economy" und dem unerschütterlichen Vertrauen der Amerikaner in ihr Land und ihre Wirtschaft.

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