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Ladenschluß - eine unendliche Geschichte

Nachdem in Deutschland Einkaufen bis 22 Uhr erlaubt werden soll, gehen auch bei uns die Wogen wieder hoch. Den Stein ins Rollen brachte ein von der deutschen Bundesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten, das "keine ökonomisch stichhaltige Begründung für die Beschränkung der Öffnungszeiten" finden konnte. Für unser Nachbarn ist das Grund genug, die Sache noch einmal zu überdenken. Ganz anders hierzulande.

"Kein Mehrumsatz durch Liberalisierung", sind sich Gewerkschaft und Wirtschafskammer einig und mauern weiter. Auf der anderen Seite stehen die Kunden. Für sie wird Einkaufen immer mehr zum Erlebnis. Die Zahl der Unzufriedenen mit den Ladenöffnungszeiten hat sich von 1993 auf 1998 nahezu verdoppelt. Zugegeben, das stimmt nachdenklich. Wir sind zu einer Konsumgesellschaft degradiert. Nicht von ungefähr. Auf den Weg dorthin haben uns die verlockenden Angebote der Werbung begleitet und immer wieder die eindringlichen Versprechungen, daß uns das und jenes noch zu unserem Glück fehle. Also kaufen wir, am liebsten "rund um die Uhr". Davon profitiert auch die Wirtschaft. Warum gäbe es sonst immer wieder Versuche, den Ladenschluß aus den Angeln zu heben?

Das jüngste Beispiel liefert ein gevifter Unternehmer am Wiener Naschmarkt, der sein Geschäft von Montag bis Samstag, jeweils von neun bis 24 Uhr, geöffnet hat. Die gesetzliche Rückendeckung glaubt er mit der Imbisstuben-Verordnung im Gewerberecht gefunden zu haben. Diese setzt die Ladenschlußzeiten weitgehend außer Kraft. Einzige Bedingung: Es darf kein Geschäft, es muss eine Imbisstube sein, wo es alle Weine, Minteralwässer, Fruchtsäfte, Pasta, Kaffee, Tee, ... "offen" gibt. Daneben kann dann alles auch "in geschlossenem Gebinde" und zu regulären Preisen verkauft werden. Damit aber nicht genug. Laut Imbisstuben-Verordnung dürfen auch Geschenkartikel verkauft werden. Im vorliegenden Fall sind das Weingläser.Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und so tüftelt die Gewerkschaft bereits daran, wie diese Unterwanderung des Ladenöffnungsgesetzes gestoppt werden kann.

Beispiele wie diese sowie das Signal aus Deutschland heizen auch bei uns die Debatte um den Ladenschluß wieder an. Es ist die Rede vom "Ruin der Familie" und dem "Ruin der kleinen Nahversorger", den Ängsten der Handelsangestellten und Handelsunternehmer vor einer allzu liberalen Wirtschaftswelt. Die Argumente sind ernst zu nehmen. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, daß sich die Zeiten geändert haben. Ob es uns gefällt oder nicht, beim Einkaufen geht es geht schon lange nicht mehr nur um reine Bedarfsdeckung. Erfolgreich sind heute jene Unternehmen, die den Kundenwünschen entgegenkommen. Über Service und Dienstleistung haben da durchaus auch kleinere Unternehmen eine Chance. Warum also die Entscheidung den Geschäften nicht selbst überlassen, wann, wie lange und ob überhaupt offen gehalten wird? Die Menschen sind durchaus in der Lage Verantwortung zu übernehmen. Und mit "gesundem Menschenverstand" läßt sich manches Problem wahrscheinlich schneller lösen als mit einer unüberschaubaren Flut von Vorschriften, Verboten und Strafen.

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